Reichstag

Der Reichstag ist der Sitz des Deutschen Bundestages und mit seiner neuen Kuppel der beliebteste Publikumsmagnet Berlins. Seine bewegte Geschichte spiegelt die Turbulenzen der Deutschen Historie seit dem 19. Jahrhundert wieder.

Der Reichstag wurde 1884–94 von Paul Wallot errichtet, nachdem mit der Gründung des Deutschen Reiches ein repräsentatives Gebäude für das Parlament erforderlich war. Die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ wurde erst 1916 während des Ersten Weltkrieges angebracht, da sich Wilhelm II. zunächst dagegen aussprach. Am 9.11.1918 rief der Abgeordnete Philipp Scheidemann vom Fenster die Republik aus. Ein Teil des Hauses fiel am 27.2.1933 unter nicht aufgeklärten Umständen dem Feuer zum Opfer; der Reichstagsbrand diente dem nationalsozialistischen Regime als Vorwand zur Verfolgung politischer Gegner. Nach dem Krieg wurde das zerstörte Gebäude nach Plänen von Paul Baumgarten 1961–71 in vereinfachter Form ohne die 1945 gesprengte Kuppel wieder aufgebaut. Im Innern des an die »Berliner Mauer grenzenden Hauses befand sich die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“, welche nun im »Deutschen Dom präsentiert wird. Nach der Wiedervereinigung beschloss der Deutsche Bundestag, das Gebäude wieder als Parlament zu nutzen. Von 1994–99 wurde der Reichstag von dem Architekten Sir Norman Forster in Anlehnung an die großzügigen historischen Dimensionen als modernes Arbeitsparlament mit begehbarer Kuppel um- und ausgebaut. Vor Beginn der Arbeiten 1994 war das Gebäude Schauplatz einer der spektakulärsten Kunstereignisse Europas: die Verhüllung durch Christo und Jeanne Claude. Die zunächst heftig umstrittene Glaskuppel ist mittlerweile zum neuen Wahrzeichen der Stadt geworden. Seit 1999 ist das Reichstagsgebäude wieder Sitz des Deutschen Bundestages.


Historismus

Achitekten: Paul Wallot 1884-94, letzter Umbau: Sir Norman Foster 1994-99

Ludwig Bohnstedt hieß der überlegene Sieger des Reichstagswettbewerbs. Doch sein populärer Entwurf (mit einer Offenheit symbolisierenden monumentalen Vorderfront) verschwand in den Schubladen - die Zeit war wohl noch nicht reif für einen eigenen Parlamentsbau. Zehn Jahre später, 1882, wurde ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Sieger Paul Wallot hieß, Privatarchitekt in Frankfurt/Main. Doch auch der mußte einige Querelen mit Kaiser und Behörden durchstehen, bis der Bau 1894 eingeweiht werden konnte.

1884 begonnen, fiel die endgültige Entscheidung für die Fassadengestaltung erst 1886, und noch 1890, als die inneren Stützmauern bereits standen, mußte nach dem Willen Wilhelms II. eine neue Kuppel entworfen werden. Heraus kam schließlich eine Vierflügelanlage mit zwei Innenhöfen und dem Plenarsaal im Zentrum. Die Hauptfront zeigt nach Westen, weg vom Stadtzentrum.

Beim Reichstagsbrand am 28.2.1933 wurde die Inneneinrichtung, vor allem der Plenarsaal, teilweise zerstört. In den letzten Tagen des Kriegs erlitt der Reichstag schweren Schaden und brannte erneut aus, die Kuppel wurde aus Sicherheitsgründen gesprengt.

Nach langen Diskussionen über eine zukünftige Nutzung erhielt der Bau 1961-72 nach Plänen von Paul Baumgarten ein nüchtern-sachliches Innenleben, der Plenarsaal blieb ein Provisorium. Nach der Entscheidung für Berlin als zukünftigem Regierungssitz wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den Sir Norman Foster gewann.

Verwirklicht wird allerdings ein Entwurf, der mit dem prämierten nichts mehr zu tun hat - wiederum von Sir Norman Foster. Der Innenraum wurde vollständig entkernt, der wieder zentral angelegte Plenarsaal wird nun von einer gestreckten Glaskuppel auf rundem Grundriß überwölbt, die über Rampen begehbar ist. Seit April 1999 ist das Reichstagsgebäude der offizielle Sitz des Deutschen Bundestages.

Reichstagsgebäude (nach dem Umbau)

"Sitz des Deutschen Bundestages ist Berlin." Mit einer knappen Mehrheit von nur 18 Stimmen votierte der Bundestag am 20. Juni 1991 im Bonner Wasserwerk für diesen Beschluß. Damit gaben 338 Abgeordnete das Signal zum Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin. Am 19. April 1999, mit der ersten regulären Sitzung des gesamtdeutschen Parlaments im Berliner Reichstagsgebäude, wurde das politische Versprechen eingelöst.

Vor der Wiederbelebung des monumentalen Gebäudes nördlich des Brandenburger Tores mußte sich das über hundertjährige Gemäuer einer dreieinhalbjährigen Roßkur unterziehen. Mit rund 600 Millionen Mark baute der Bundestag das verwaiste Parlamentshaus nach den Plänen des britischen Architekten Sir Norman Foster in ein modernes Plenargebäude um.

Die neue Kuppel

In 40 Meter Höhe hat Foster dem neuen Reichstagssymbol eine Aussichtsplattform eingepflanzt. Wer den Gipfel erklommen hat, ist benommen vom Ausblick auf die Berliner Innenstadt rund um das Brandenburger Tor bis hin zu Potsdamer Platz und Gedächtniskirche.

Über zwei spiralförmige Rampen gelangt man von der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes auf die 40 Meter hohe Aussichtsplattform im Innern der Kuppelspitze. 230 Meter luftige Wegstrecke sind zu überwinden, will der Souverän den Politikern "aufs Dach" steigen. Gehalten werden die beiden Rampen durch das Stahlskelett der im Durchmesser 40 Meter messenden Kuppel. 24 senkrechte Rippen und 17 horizontale Ringe bilden den Baukörper. Im Zentrum der Kuppel befindet sich in Form eines karottenförmigen Zylinders ein hochkomplexes Lichtumlenk-System. Mit 360 Einzelspiegeln verkleidet, sorgt es für helles Licht in dem zehn Meter tiefer gelegenen Plenarsaal. Schattenelemente mildern allzu starke Sonneneinstrahlung ab. 24 Meßstellen überprüfen den Stand dieser Schutzelemente. Neben der Belichtung sorgt der Zylinder auch für die Belüftung der Debatten. Die verbrauchte Luft wird über eine Abluftdüse - durch thermische Aufwinde - nach oben geleitet und entweicht dort über eine zentrale Öffnung der Kuppel.

Die 3000 Quadratmeter große Kuppelaußenhaut besteht aus durchsichtigen Glaslamellen. Die Montage der Parlamentskrone nahm bis zum September 1998 rund 16 Monate in Anspruch. Das technische Meisterwerk ist 23,5 Meter hoch. Mit der neuen Dachkrone ragt das Reichstagsgebäude insgesamt 47 Meter in den Himmel. Ein bescheidenes Ausmaß gegenüber den 74,16 Metern mit der alten Wallot-Kuppel. Nachts beleuchtet, ist die transparente Kuppel von Foster zu einem Wahrzeichen des neuen Berlin geworden.

Der Innenausbau

Der am 24. Juli 1995 begonnene Umbau des Reichstags hatte im Innern eine radikale Veränderung zur Folge. Bei der vollständigen Entkernung wurden sämtliche Einbauten des Architekten Paul Baumgarten aus den Jahren 1961 bis 1969 entfernt.

Die innere Organisation des Parlamentes gliederte Foster horizontal: In Keller und Erdgeschoß ist die gesamte Haustechnik und Gebäudeversorgung untergebracht. Im Norden und Süden des Hauses befinden sich Zugänge und Treppenhäuser für die Parlamentarier. Auch gibt es einen unterirdischen Fußgängertunnel zwischen der Ostseite und den künftigen Abgeordnetenhäusern jenseits des Ebertplatzes. Durch das Hauptportal an der Westseite des Reichstags gelangen die Abgeordneten direkt in den Plenarbereich mit der Lobby im ersten Geschoß. Der 1200 Quadratmeter messende Plenarsaal, der damit doppelt so groß ist wie das alte Plenum von 1894, liegt im Zentrum des Hauses und ist rundum verglast, so daß Durchblicke bis nach draußen möglich sind.

Über drei Geschosse reicht der Plenarsaal, in den die Spitze des Kuppellichtzylinders ragt. Die Abgeordneten sitzen in elliptischer Anordnung mit Blick Richtung Osten - so wie einst im historischen Reichstag. Für Besucher, die ebenfalls durch das imposante Hauptportal kommen, wurde eigens ein Zwischengeschoß eingebaut, über welches die Tribünen im Plenum erreicht werden.

Neben dem zentralen Plenarsaal sind im Reichstagsgebäude zahlreiche Arbeitsräume für die Bundestagsführung und die Parteien untergebracht. Die Räume für den Bundestagspräsidenten, das Präsidium, den Ältestenrat und die Verwaltungsleitung liegen im zweiten Geschoß der Außenflügel. Fraktionssäle und die Presselobby befinden sich im dritten Geschoß, dem obersten Stockwerk.

Gekrönt wird das Gebäude mit seinen zwei Innenhöfen von einer jedermann zugänglichen, 24 Meter hoch gelegenen Dachterrasse, die auch ein Restaurant beherbergt. Dem Architekten Foster war es sehr wichtig, daß Besucher auf das Dach des Reichstags gelangen können.

Durch den Abriß der Baumgarten-Einbauten wurde nicht nur die historische Raumhöhe des Gebäudes wiederhergestellt. Auch russische Inschriften der Roten Armee aus den Maitagen 1945 kamen wieder zum Vorschein. Ausgewählte Schriftzüge aus Holzkohle oder Kreide blieben als Zeugnis des Krieges beispielsweise im südlichen Treppenhaus erhalten. In kyrillischer Schreibart ist etwa "Gitler kaputt!", "Sergej und Jurij waren hier!", "Kaukasus-Berlin" oder "Wir haben hier gekämpft" zu lesen.

Weitgehend instandgesetzt wurden die erhaltenen Spuren aus der Entstehungszeit des Reichstagsgebäudes, das zehn Jahre lang, zwischen 1884 und 1894, erbaut wurde: alte Säulen, historische Treppenhäuser, Wandschmuck und Steinmetzarbeiten, die Paul Wallot geschaffen hatte.